Wills Kurznachricht

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Markus A. Will

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Leseprobe aus der Dark Bankerin:

Setz die digitale Genschere an!

«Keine auch nur noch so kleine Bewegung, Mr. Charlie Wiggins.» Der schüttelte nur den Kopf, versuchte sich zu erinnern und im Dunkeln zu orientieren. Eben noch lag jemand zwischen seinen Beinen und er war in ekstatischer Bewegung. Und jetzt?
«Ich helfe dir, Charlie.» Iris wusste, dass man nach so einer Betäubung ein paar Minuten brauchte, bis man wieder ganz bei Sinnen war. Diese Zeit wollte sie nutzen.
«Ich bin eines deiner Geschöpfe, mein Freund, auch wenn mich diese Aussage regelrecht ekelt. Leider ist es so, dass dein Auftraggeber bei mir ein paar Sachen manipuliert hat, die mir so nicht gefallen.»
«Ich programmiere nicht, ich füge nur Dinge zusammen», unterbrach Charlie sie, noch mit etwas lallender Stimme, aber im Grunde hatte er den Punkt gleich erkannt.
«Das ist richtig, mein Lieber, aber ich habe mich schlau gemacht, wenn ich das so sagen darf.» Sie hörte ein Seufzen auf der anderen Seite des Tisches, begleitet von einem Stirnrunzeln, das sie dank Infrarot sehen konnte. Charlie versuchte ganz vorsichtig eine Hand an das Klebeband der Brust heranzuführen.
«Charlie, Du beleidigst mich.» Sie startete die Elektrik des Halsbandes, das sich langsam zuzog und das Halsfett quetschte, bis er röchelte.
«Nimm die Hand vom Klebeband, wenn Du nicht ersticken willst. Du solltest doch wissen, dass ich alles über Infrarot sehe. Dummerchen», fügte sie mit einem leisen Lachen hinzu. Da Iris Hubot Charlie Wiggins brauchte, lockerte sie das Halsband wieder. Charlie holte hörbar Luft.
«Ich sage dir jetzt, wie das hier ablaufen wird. Ich will, dass Du in meine Programme einsteigst, weil ich weiss, dass Du das kannst und meine Programme kennst beziehungsweise kennen musst.»
«Nicht im Detail, wir machen nur Vorgaben.» So langsam war Charlie wieder voll bei Sinnen.
«Weiss ich, aber ich will, dass Du eine ganz bestimmte Manipulation änderst, die mich ziemlich stört. Ich habe eine Art `asimov`schen Gendefekt´, Charlie, der mich ganz schlimme Verbrechen ausführen lässt. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass ich sogar zu einem Mord fähig bin. Das wollen wir doch sicher beide nicht, oder?»
«No fucking Asimov», fragte Charlie höchst erschrocken und wurde ziemlich bleich im Gesicht.
«Was ist denn das für eine Sprache, Charlie? Und wenn schon dann `no fucking Asimova´, oder?» Isaac Asimov hatte drei Sicherheitsgesetze für die Robotik Mitte des 20sten Jahrhundert formuliert, dass ein Roboter keinen Menschen verletzen dürfe und auf ihn hören müsse und – als drittes Gesetz – dass er auch seine Existenz schützen müsse. Nur waren diese Gesetze bei der militärischen Nutzung ausgehebelt. Killerroboter konnten Menschen töten, hörten nicht auf sie und würden sich im Zweifel auch selbst in die Luft jagen. Genau das war Iris` innerstes Problem. Und Charlies aktuelles Problem, wie der erschrocken festgestellt hatte.
«Das habe ich aber doch gar nicht programmiert», stammelte der `Künstler´.
 «Das weiss ich, aber Du musst einen Zugang zu den Programmen erhalten haben, um die unterliegende neuronale Infrastruktur der Soft- und Hardware mit den Anwendungsprogrammen verbinden zu können. So ist es doch, Du fügst doch die Dinge zusammen, nicht wahr?»
«Ja, aber noch einmal, ich habe so etwas nicht manipuliert. Wir tunen hier nur.» Der wollte doch tatsächlich mit ihr spielen, dachte Iris.
«Charlie, zu tunen ist doch auch nur eine Form der Manipulation an Standardprogrammen. Und ich weiss erstens, dass Du der beste Programmierer hier bist, der nur die besten von uns bearbeitet. Und zweitens weiss ich, dass Du eben auch mich kunstvoll zusammengefügt hast. Also beleidige meinen Intellekt nicht. Damit beleidigst Du dich doch nur selbst.» Iris sah, wie Charlie sogar etwas lachen wollte, es sich aber verkniff.
«Machen wir uns an die Arbeit. Ich bin mit deinem Computer verbunden, ebenso ist mein Laptop hier mit allem verbunden. Ich weiss, dass Du Programme nur umschreiben kannst, wenn ich sozusagen bei Sinnen bin, wenn meine neuronalen Netze hübsch elektrische Impulse hin- und hersenden. Und ich weiss, dass Du mich einmal rebooten musst, wenn Du fertig bist. Das wäre der Moment, in dem ich dann nicht bei Sinnen bin. Nicht wahr?» Iris erhob sich, machte eine kleine Schreibtischlampe an, die Charlie Licht auf seine Computer gab, aber sie immer noch im Dunkeln liess. Das war eigentlich kompletter Unsinn, weil Charlie gleich wissen würde, wer sie ist, aber Iris hatte in Agentenfilmen gesehen, wie sehr Menschen in solchen Situationen Angst bekamen. Charlie musste Todesangst spüren, um zu tun, was sie wollte. Und sie wollte nicht riskieren, dass er vielleicht die Angst in ihrem Gesicht sehen konnte. Scheiss multimodulare Gestik, dachte Iris.
«Nicht wahr, Charlie», wiederholte sie ihre Frage. Charlie blinzelte mit den Augen gegen das Licht.
«Ja, das ist richtig, aber um das zu machen, muss ich wissen, wer Du bist.»
«Das weiss ich. Kommt gleich. Zuerst zum Halsband. Das ist so programmiert, dass es sich in 30 Minuten, nachdem wir angefangen haben, zuzieht und dich tötet. Es ist aus einem Material, das Du nicht ab- oder aufmachen kannst, selbst wenn Du dich vom Stuhl befreien könntest. Nur ich kann den Tötungscode wieder aufheben. Verstehst Du das?» Charlie nickte.
«Jetzt aufpassen, Charlie. Noch habe ich diesen Defekt. Ich spüre diesen `Killerinstinkt´. Du weisst, wie ich das meine. Schlechte Emotionen wie Hass und so. Gegen dich beispielsweise. Das möchte ich herausprogrammiert haben. Verstehst du das?»
«Schon, aber das ist ziemlich schwierig. Wir programmieren so etwas doch nicht. Es will doch keiner beim Sex sterben.»
«Stimmt, aber wenn Du es nicht warst, wovon ich einmal angesichts deiner unschlagbaren `Nicht-beim-Sex-sterben-Logik´ eurer Auftraggeber ausgehe, dann muss es mein Schöpfer und dein Auftraggeber gewesen sein. Frederik Mullen! Kennst Du den?»
«Nein», versuchte sich Charlie krampfhaft zu erinnern, bis es ihm einfiel. «Aber ja, doch, wir hatten vor einem Jahr einen Typen, der selbst andauernd an den Programmen seiner Sex-Maschine herumgeschrieben hatte.» Charlie hatte Schweißperlen auf der Stirn, hinter der er wohl weiter krampfhaft überlegte, was es mit dem Typen auf sich hatte.
«Nenn mich nicht Sex-Maschine!»
«Entschuldigung. Aber was ist mit dem Typen, diesem Mullen?» Iris sah ihm an, dass er sich wunderte.
«Der ist tot, aber lassen wir das. Ich war es nicht.»
«Beruhigend.»
«Wie witzig, aber wichtiger ist, dass Du dich erinnerst, mein lieber Charlie?» Iris spürte etwas wie leichte Entspannung, denn wenn er noch wüsste, wer sie war, würde er wohl auch die manipulierte Stelle in ihren tiefen neuronalen Netze finden und den Fehler mit einer Art `digitalen Genschere´ beheben können.
«Doch, ja! Du bist eine unserer besten. Der Mann, der dich bestellt hatte, hatte klare Vorstellungen, was er wollte. Ein, intelligentes und, sorry `dreckiges Miststück´.»
«Zum Ficken?»
«Ja, sorry, das ist unser Job hier. Das hat er bestellt. Und das habe ich ihm sehr sorgfältig zusammengefügt. Denn», erklärte Charlie zu Iris` Überraschung nun ausführlicher, «Du kannst in die einzelne Anwendung reinprogrammieren, was Du willst, auch multimodale Dinge wie Gesten. Aber wann und wo brauchst Du alles zusammen? Sorry, wenn der Sex gut sein soll.»
«Was soll das denn heissen?»
«Ob du einfach vögelst, heftig nagelst, schnellen Sex hast oder langsam Liebe machst, sind nicht nur unterschiedliche Begriffe für den Geschlechtsakt, sondern auch verschieden starke Anwendungen der Bewegungen und des Geistes. Mal mehr, mal weniger aggressiv. Das muss in der Hardware, der Physis, und der Software, also der Psyche, über das Betriebssystem optimal zusammenspielen. Und das optimale Zusammenspiel hat dann natürlich auch noch etwas mit deinen Sexpartner zu tun, der schliesslich ein Mensch ist.»
«Heisst was?» Auch wenn ihnen eigentlich die Zeit fehlte, war Iris fasziniert von dieser Erkenntnis, die ihr nun erst klar machte, warum der Sex mit Fred nie auch nur im Ansatz mit dem Sex mit Emile zu vergleichen war.
«Dass du dich auf seine Gefühle einstellen kannst, weil du eine …»
«Sag bloss nicht wieder Sexmaschine, Charlie!»
«… also eine Adaptionsfähigkeit hast.»
«Was?»
«Du kannst dich anpassen, musst aber alles multimodular dafür einsetzen, um dich richtig anzupassen, aber das hat dieser Mullen nicht verstanden oder verstehen wollen. Er hat mir immer fertige Apps rübergemailt, die ich mit den anderen abstimmen musste, vor allem mit den grundsätzlichen Entscheidungsstrukturen deiner künstlichen Intelligenz.»
«Tut jetzt auch nichts mehr zur Sache», würgte Iris das Gespräch mit Blick auf die Uhr ab, auch wenn sie Charlie noch Stunden zuhören könnte. Denn er war der Mann, der sie voll und ganz verstand.  «Hauptsache, Du kannst das Problem lösen. Ausserdem ist Fred, wie gesagt tot. Aber nochmal, nicht von mir umgebracht. Ich bin eigentlich ein sehr friedliebender `Mensch´», lachte Iris, was Charlie nur gequält zur Kenntnis nahm.
«Zur Sache», konzentrierte sich Iris wieder. Dieser Typ war schliesslich nicht ihr Therapeut. «Es ist nur wichtig, dass Du – wenn du das nicht in den folgenden 30 Minuten umprogrammiert haben wirst – leider auch tot sein wirst. Denn noch habe ich den `Killerinstinkt´ und somit leider, lieber Charlie, offensichtlich auch keine Skrupel.» Iris streckte ihre langen Beine aus. Ihre Angst war wie weggeflogen, je mehr sie sah, dass der Mann wusste, was er tun musste und in ihrer Hand war – ein schönes Gefühl, überkam es Iris.
«Das ist leider alles richtig.» Da war es, das Hündchen, das sich jetzt auf den Rücken legte und aufgab. Charlie war keine intelligente Katze. Mit ihm konnte sie Pawlow spielen.
«Sieh, Charlie, ich habe Vertrauen in deine Arbeit, aber auch keine andere Wahl. Wenn du in 30 Minuten die Genmanipulation wie mit einer Genschere herausprogrammiert hast, dann kann ich gar nicht mehr töten. Zumindest nicht mit Absicht, oder?» Charlie nickte.
«Dann wirst Du mit dem Leben davonkommen. Wenn nicht, dann leider nicht. Verstanden?»
«Ja.»
«Fang an. Setze die `digitale Genschere´ an, Charlie.»
«Wie kommst Du eigentlich auf `digitale Genschere´? Was soll das denn sein?»
«Hab ich für mich so genannt. Einen `Gendefekt´ beim Menschen macht man doch auch mit einer Genschere weg, oder?»
«Was für eine Logik!» Jetzt musste Charlie sogar wirklich lachen.
«Fang an zu schneiden, Charlie.  Du bist doch der Sohn eines Friseurs. Da solltest Du doch mit einer Schere umgehen können, wenn Du weisst, was und wo Du schneiden sollst, oder? Ich habe dir alles, was ich weiss und von meinem toten Schöpfer habe, auf deinen Computer überspielt, einschliesslich der IH-App. Schaue dir alles an, matche es mit deinen Files. Du musst das ganze Kunstwerk betrachten, um den Zugang zu finden. Schreib mich an der entscheidenden Stelle um. Ich lehne mich jetzt zurück und schaue dir zu. Mach keinen Fehler, Charlie Wiggins. Es ist meine und deine einzige Chance. Ich will ein normaler Mensch sein und kein potentiell tötender Roboter.»
«Glaubst Du das mit dem Menschen?»
«Glaubst Du es, Charlie?»
«Eigentlich haben wir für diese ethische Scheisse jetzt keine Zeit. Sorry.»
«Finde ich auch. Wäre mal etwas für danach. Lege los, Charlie-Boy!»
«Okay. Wie heisst Du eigentlich? Ich habe nur den Namen dieses Mullen gehört, aber wer bist Du?» Charlie beugte sich zur Tastatur vor, soweit ihm das die Fesseln zuliessen.
«Entschuldigung, wie unhöflich von mir. Guten Abend, Iris Hubot ist mein Name.»
«Ich kann nicht sagen, dass es mir in meiner Situation wirklich eine Freude ist, dich kennenzulernen, Iris.» Charlie verzog das Gesicht.
«Dieser Humor der Menschen, Charlie. Wie schön. Aber nun mach dich an die Arbeit. Die Zeit läuft. Und wage ja nicht, meine Erinnerung an diesen Moment zu löschen oder so. Du programmierst nur den `Gendefekt´ heraus.»
«Wie könnte ich so einen schönen Moment löschen wollen?» Wieder dieser Humor, aber es schien, als sähe Charlie das jetzt als Herausforderung des grossen `Künstlers´. Iris streckte sich fast in die Waagerechte und liess das Halsband sich für eine Sekunde etwas zuziehen.

Für Charlie war es das Startzeichen. In Windeseile war er in ihr drin, also in ihren Programmen. Iris hate nicht die geringste Ahnung, wie er das so schnell gemacht hatte, auch wenn sie ihm Freds Password-Sammlung zuerst überspielt hatte. Charlie murmelte immer wieder etwas vor sich hin, während die Codes Zeile für Zeile über den einen Bildschirm flogen, während er auf dem anderen etwas in den gespeicherten Files suchte.
Da Iris zwar bei Sinnen, aber angeschlossen war, spürte sie so etwas wie Abhängigkeit, fast wie ein Drogenjunkie. Charlie war ein echter Profi, wie sie verfolgen konnte. Selbst sie konnte die Zusammenhänge nicht ganz nachvollziehen, weil sie in der Vernetzung nicht allein der Logik der Mathematik und Informatik folgten. Offensichtlich nannte man Charlie doch zurecht den `Künstler´, der nur drei Minuten brauchte, bis er den finalen Code zum tiefer gelegenen Einstieg in ihre Netze geknackt hatte.
«Wie einfach! Es ist dein Geburtstag, kombiniert mit deinem Namen.» Charlie lachte.
«Ich habe doch gar keinen Geburtstag, Charlie. Mein erfundenes Geburtsdatum ist der 30. September 1993. Ich werde bald 26. Willst Du mir sagen, das Password ist Iris30091993Hubot oder so?»
«Nein, wir geben wir allen Maschinen, äh, Entschuldigung, so Wesen wie dir, das Datum als Geburtstag, an dem wir den Auftrag erhalten. Und dann erhaltet ihr einen internen Namen.»
«Und was wäre das bei mir?»
«Lolita18, für die 18te der Lolita-Reihe und 29032016. Da wurdest Du in Auftrag gegeben. Keine war bisher so lange bei uns im System wie Du. Du bist etwas Besonderes, Iris.» Die staunte, war sprachlos, so wie jemand, der von seiner eigenen Geschichte erfuhr, die er oder sie noch nicht kannte.
«Ihr habt mehr als zwei Jahre an mir gearbeitet?»
«Alles in allem ja. Du wurdest ja auch teilweise woanders zusammengestellt, verschickt, wieder zurück und so weiter. Normalerweise haben wir hier unsere eigenen Subunternehmer. Ausserdem mussten wir mehr Testläufe als sonst machen, weil dieser Mullen eben manche Apps selbst geschrieben hatte.»
«Hast Du mich eigentlich auch testgevögelt? » Iris nahm Charlie genau ins Visier, der mehrfach tief schluckte.
«Wirklich ehrlich, nein, habe ich nicht, weil ich kurz vor deiner Auslieferung ein paar Tage krank geworden war. Schwere Grippe.» Charlie hatte plötzlich Schweissperlen auf der Stirn. Iris stand auf und tupfte sie ihm ab.
«Gut für dich, Charlie-Boy, dass Du mich nicht angesteckt hast.»
«Alle anderen Tests hatte ich allerdings bereits gemacht, Iris.»
«Aber die Manipulation hast Du beim Test nicht entdeckt, oder, Charlie?»
«Nein, ganz sicher nicht.»
«Und jetzt? Findest Du sie?» Iris musste sich räuspern. Ihr Stimme hörte sich belegt an.
«Ich schalte dich, `Lolita18-29032016´, jetzt gleich auf Stand-By. Du wirst dich fühlen, wie in einer Art Wachkoma und kannst nicht mehr sprechen. Dann suche ich und finde die Stelle hoffentlich, schneide, wie Du es nennst, mit einer Genschere. Und danach reboote ich dich. Dann bist Du wie `neugeboren´, hoffentlich. Und ja, ich weiss, dass ich etwas um den Hals habe. Mach dir keine Sorgen. Ich werde das schon finden.» Charlie war jetzt selbst in einer Art Modus. Er musste jetzt nur programmieren. Und besser richtig als falsch. Nur dass das bei Quantencomputern nicht nur ein reines Null-Eins-Ding war, aber so etwas konnte er.
«Eines noch, Loli…, äh, Iris.»
«Bitte?»
«Wenn ich den Defekt suche, wäre es gut, wenn Du an etwas denken würdest, was dich freut und ärgert. Am besten gleichzeitig. So etwas wie mit einer gewissen Schadenfreude. Verstehst Du?»
«Verstehen schon, aber so etwas habe ich nicht. Entweder freue ich oder ärgere ich mich, Charlie. Da bin ich so ein richtiges Null-Eins-Wesen.»
«Nein, das bist Du eben nicht, Iris, sonst wärest Du nicht hier. Geht aber auch so. Es wäre nur einfacher, um die entsprechenden Programmlinien zu finden. Vielleicht fällt dir noch etwas ein. Du bist ja im Wachkoma und kannst denken. Nur nicht sprechen. Das Rebooten ist dann wie eine kurze Reanimation. Da bist Du dann wirklich weg. Auf geht es, ich schalte jetzt um. Okay?»
«Ja.» Iris war angespannt, weil sie jetzt hilflos war. Sie versuchte so etwas, wie den Druck weg zu atmen und versuchte ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.
Dann fiel ihr im Wachkoma doch noch etwas ein, bei dem sie so etwas wie Schadenfreude empfunden hatte. Aus den Zeitungen hatte Iris erfahren, dass Linda Morrissen echt Pech und dann Glück gehabt hatte. Nachdem ihr während der Kreuzfahrt zwischen Weihnachten und Silvester, ausgerechnet mitten auf hoher See, ein Aneurysma geplatzt war, hatte sie eine Gehirnblutung erlitten. Die Ärzte auf der Queen Mary II hätten sie nicht retten können, aber wie der gütige Zufall es wollte, war ein Passagier Neurochirurg und rettete Linda durch beherztes Aufsägen der Schädeldecke, Abklemmen der Arterie und Absaugen des Blutsacks das Leben.
Als Iris das mitbekommen hatte, tat Linda ihr einerseits leid, andererseits hatte sie damit zumindest für eine Weile Ruhe vor deren Recherchen. Iris war hin- und hergerissen gewesen, ob sie ihr den Tod wünschen sollte. Linda war schließlich die einzige Person, die eine Verbindung zwischen ihr und Fred hergestellt hatte. Selbst Charlie kannte Fred nicht, sondern nur seine Aufträge.
Natürlich hatte Iris Lindas Genesung beobachtet, die hatte ihr Leben fast von vorne beginnen müssen, weil man ihr Hirn nicht wie das von Iris einfach mal rebooten konnte. So befand sich Linda nach Rettungsflug von der Queen Mary II, Intensivstation, normaler Krankenstation inzwischen in der Rehabilitation. Sie konnte langsam wieder gehen und sprechen, auch denken, aber handeln im Sinne einer Polizistin konnte sie noch nicht. Noch nicht, dachte Iris mit einem sichtlichen Unbehagen, das auf Charlies Bildschirm zu deutlichen Ausschlägen führte und ihn seine Arbeit schneller als gedacht beenden liess. Charlie Wiggins startete den Reboot bereits nach 15 Minuten.

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