Die «Maskenbildnerin»

Kategorie: Blog

«Merkels Maskenbildnerin ist eingetroffen». Als ARD-Journalistin Christiane Meier diese News am Morgen nach der letzten Sondierungsnacht von SPD und CDU/CSU raushaute, musste die erfahrene Journalistin im Morgenmagazin selbst schmunzeln. 24 Stunden waren rum und nichts Neues, so dass Meier das Eintreffen von Merkels Visagistin als Zeichen des nahenden Endes der Sondierungen einstufte. Richtigerweise! Und richtigerweise traf sie damit den Nagel auf den Kopf; denn Merkels Maskenbildnerin musste wohl nicht nur ob der am Schluss 25 durchverhandelten Stunden Hand am Gesicht der Kanzlerin anlegen. Auch im übertragenen Masse hatte Angela Merkel zu diesem Zeitpunkt ihr Gesicht verloren. 

Die geschäftsführende Bundeskanzlerin hat einen Autoritätsverlust sondergleichen hinnehmen müssen, den vor der Bundestagswahl niemand für möglich gehalten hatte. Die «Mutti der Nation» und ehedem mächtigste Frau der Welt ist heute eine fast ohnmächtige Provinzpolitikerin geworden, die auf Gedeih und Verderb an eine zerrissene Sozialdemokratie gebunden ist. Sie muss auf die Ergebnisse von Sonderparteitagen, Koalitionsverhandlungen und einen Mitgliederentscheid warten, ehe sie vielleicht in einigen Wochen noch einmal als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland vereidigt wird. Merkel trägt ihr Amt monströs wie eine Maske aus besseren Tagen vor sich her. Dahinter bröckelt ihre Macht.

Sollte es noch einmal zu einer «GroKo» kommen, die mit knapp über 50 Prozent im Grunde eine «KleiKo» ist, so ist sie seitens der SPD der Staatsraison geschuldet und wird die dreieinhalb Jahre nicht überdauern – zumindest nicht mit Angela Merkel. Die «KleiKo» bedeutet Stillstand in einer Zeit, in der Deutschland eine neue Agenda bräuchte. Sie bedeutet Auftrieb am rechten und linken Rand. Sie bedeutet Qual, wann wer Merkel nachfolgen kann. Das gerade sie, die persönlich uneitel ist, auch dem Aphrodisiakum der Macht und dem Glauben der Unersetzbarkeit erlegen ist, überrascht irgendwie doch. Wer wie Merkel vom Ende her Dinge durchdenkt, müsste wissen, dass die Sache für sie ein bitteres Ende nehmen könnte.

Wirtschaftlich läuft es derzeit sehr gut in Deutschland, aber Merkel zehrt eigentlich immer noch von den Erfolgen der Agenda 2010 ihres Vorgängers Gerd Schröder. Auch wenn der sich nach seiner Kanzlerschaft alles andere als «staatsmännlich» aufführt, so muss man ihm diese Erfolge lassen, die weder ihm noch seiner SPD genützt haben. Jedenfalls gibt es keine ähnlich grossen Reformen, die unter Merkels Kanzlerschaft innenpolitisch auf den Weg gebracht worden wären. Im Ergebnis wird dies Deutschland alsbald schwächen, und wenn der Boom abebbt, dann wird es in Deutschland und in Europa Probleme geben. Die EU braucht ein (finanz)starkes Deutschland. Niemand weiss das besser als Emmanuel Macron. 

Der französische Präsident treibt die EU voran. Nirgendwo war das besser zu sehen und zu hören, als da, wo`s die Wichtigen und Unwichtigen zusammenbringt. Im global village von Davos. Während die deutsche Kanzlerin eine langweilige Rede hält und dröge diskutiert, ist Macron inspirierend. Aber für seine Inspiration braucht der französische Präsident Kapital (keine Transfers!), das im Wesentlichen aus Deutschland kommen muss. Inspiration ja, aber Investitionen eben auch ja! Sonst bleiben die Ideen leere Worthülsen aus Utopia. Insofern sollte Macron noch einmal darüber nachdenken, ob Frankreich und Europa gedient ist, falls Merkel Deutschland noch einmal dient.

Zurück nach Deutschland: Auf alles kommt innenpolitisch noch oben drauf, dass die Folgen von Merkels Flüchtlingspolitik nicht überwunden sind. Ich halte ihren Entscheid vom September 2015 an den damaligen Tagen für alternativlos, aber in der Folge hätte man viele Alternativen offen(er) diskutieren müssen. Aber Merkel hat das Thema weitestgehend ausgeschwiegen. Wir schaffen das. Ja, aber wie? Zudem hat Merkel darauf verzichtet, dass grosse sozialpolitische Lagerfeuer gemeinsam mit der SPD zu entfachen: Die Schere zwischen arm und reich, zwischen Löhnen und Gewinnen, zwischen Rente und Vorsorge, zwischen Jung und Alt und zwischen lokal und global ist wirklich weiter auseinander gegangen.

Finanzkrise, Weltwirtschaftskrise, Euro-Krise, Grexit- und Brexit-Krisen, die ganze EU-Krise und die Ukraine-Krise. Sie alle hat Merkel gemeistert, überwiegend sehr gut sogar. In der Welt und Europa hat sie Grosses geleistet, aber in Deutschland hat sie eher klein agiert. Wir schaffen das, ja! Mit neuen Gesichtern, welche immer das auch sein mögen. Merkel schafft das nicht mehr, muss sie aber auch nicht. Merkel braucht keine «Maskenbildnerin» mehr. Sie ist ihre eigene «Maskenbildnerin» geworden und sollte ihr Amt abgeben und ihren Platz in der Geschichte einnehmen, den sie verdient. Und sie sieht immer noch um Lichtjahre besser als Schröder, Kohl & Co, als die das Amt verlassen haben. Übrigens auch alle unfreiwillig.


zurück